Design und Erkenntnisinteresse
Bei der LifE3G-Studie handelt es sich um eine Drei-Generationen-Längsschnittstudie, die über einen Zeitraum von nahezu fünf Jahrzehnten die Entwicklungsprozesse, Lebensgeschichten und intergenerationalen Familienbeziehungen einer zwischen 1965 und 1967 in Westdeutschland geborenen Kohorte von deren späten Kindheit bis ins späte Erwachsenenalter mit 57 Jahren untersucht. Das methodische Design der Studie ist durch vier Merkmale gekennzeichnet:
Langzeit-Panel-Studie
Die Studie basiert auf einer repräsentativen Stichprobe (LifE-Ankergeneration, G2) von ursprünglich rund 2.000 Kindern, die seit 1979 im Alter von ca. 12 Jahre bis 2024 im Alter von ca. 57 Jahren im Rahmen von acht Befragungswellen untersucht wurden. In der achten Welle nahmen immer noch 1.252 Personen teil, die bereits von Beginn an in der Studie dabei waren. Der Fokus auf die gesamte Lebensspanne spiegelt sich im Projekttitel ‚LifE‘ (Lebensverläufe ins fortgeschrittene Erwachsenenalter) wider.
Drei-Generationen- / Multi-Akteur-Ansatz
Durch die zusätzliche Einbeziehung der Eltern (G1) in der frühen Projektphase (1980 und 1982) sowie eines Teils der Kinder (G3) in der Welle von 2012 bzw. aller Kinder (G3) in der Welle von 2025 liegt ein verknüpfter Datensatz über drei Familiengenerationen vor. Die Daten erlauben die Erforschung von Familienbeziehungen und Care-Leistungen zwischen drei Generationen (vertikale Familienbeziehungen) sowie von Ähnlichkeiten und Unterschieden in Entwicklungs- und intergenerationalen Transmissionsprozessen zwischen Geschwistern (horizontale Familien-beziehungen).
Multi-Domänen-Ansatz
Ein weiteres wichtiges Merkmal der LifE3G-Studie ist ihr Multi-Domänen-Ansatz. In der Studie werden Daten zu verschiedenen Domänen und zur Wechselwirkung zwischen Domänen (Cross-Domain-Effects) im Lebensverlauf erhoben. Das Erhebungsinventar bildet die Domänen Bildung und Beruf, Partnerschaften, Familienbeziehungen, kulturelle, religiöse und politische Orientierungen, Persönlichkeit sowie psychische und physische Gesundheit im Lebensverlauf ab.
Interdisziplinärer Forschungsansatz
LifE3G verfolgt einen interdisziplinären Forschungsansatz, der theoretische und methodische Perspektiven der Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Soziologie und Psychologie integriert. Die Ergebnisse der Studie liefern empirische Evidenz für die wissenschaftliche Fachdiskussion sowie für die Ableitung pädagogischer und politischer Handlungsempfehlungen. Ein Fokus liegt dabei auf der Verbesserung von Familienverhältnissen, Bildungschancen, sozialer Gerechtigkeit, dem Gesundheitsverhalten und den gesellschaftlichen und politischen Teilhabemöglichkeiten über die gesamte Lebensspanne. Darüber hinaus können mit dem reichhaltigen Datensatz zu menschlichen Lebensverläufen und Generationenbeziehungen grundlegende Frage der menschlichen Existenz thematisiert werden: Was macht Menschen glücklich und lässt sie gesund und zufrieden altern? Was ist die Formel für ein psychisch und physisch gesundes sowie sinnerfülltes Leben?
Aktuelles Erkenntnisinteresse
Mit der achten Erhebungswelle (2024) stehen domänenspezifische Entwicklungsprozesse und Transitionen im späten Erwachsenenalter im Fokus der Analyse. Zentrale Forschungsaspekte sind:
Berufsbiografien und Erwerbsverläufe: Analyse der langfristigen beruflichen Entwicklungen unter Berücksichtigung von Geschlechterdifferenzen. Vorbereitung auf den Ruhestand.
Partnerschaftsverläufe und generationale Solidarität: Untersuchung von Paarbeziehungen und intergenerationalen Austauschprozessen, die durch den Auszug der Kinder („Empty Nest“) und die zunehmende Verantwortlichkeit gegenüber alternden Eltern geprägt sein können.
Wertvorstellungen und Gesundheit: Stabilität und Wandel von politischen und religiösen Orientierungen, Erziehungsvorstellungen und Familienwerten. Fragen zur individuellen Entscheidungsfreiheit, Sinnerfüllung und psychischen sowie physischen Gesundheit im späten Erwachsenenalter.
Weitere Erkenntnisinteressen richten sich auf die Familie als Kontext differenzieller Entwicklung. Durch die Vollerhebung der Kindergeneration (G3) im Jahr 2025 wurden Daten generiert, die detaillierte Analysen zu folgenden Themen ermöglichen:
Intergenerationale Übertragungsprozesse: Transmission von Bildungsaspirationen, kulturellen Praktiken, religiösen Zugehörigkeiten, politischen Überzeugungen, Erziehungsvorstellungen und -praktiken sowie familialen Werten über drei Generationen hinweg.
Geschwistervergleiche: Untersuchung der Frage nach Chancengleichheiten und unterschiedlichen Entwicklungsverläufen zwischen Geschwistern innerhalb desselben familialen Kontextes.
Partnerschaft und Elternschaft: Analyse von Erziehungsüberzeugungen und -praktiken sowie der Qualität partnerschaftlicher und familialer Beziehungen in der nachfolgenden Generation.

